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SCHLAGZEILEN ...

Seufzend lehne ich mich zurück. Der Abend scheint sich endlos ausdehnen zu wollen. Nicht, daß es in meiner Wohnung etwas gibt, was mich unwiderstehlich dorthin zurück zieht; vor zwei Monaten hat mein langjähriger Lebensgefährte mich verlassen, und ich habe mich noch immer nicht an die so ungewohnte graue Leere all der nun überflüssigen Räume gewöhnt. Aber im Nebenzimmer einer Kneipe sitzen und nach meinem Vortrag über die Besonderheiten des Erbrechts im Hinblick auf Wohnungseigentum den grauenhaft langweiligen Diskussionsbeiträgen der Zuschauer lauschen, entspricht auch nicht unbedingt meiner Vorstellung eines gelungenen Abends.

"Canasta zu spielen, wäre mir jetzt auch lieber," flüstert mir da plötzlich mein Nachbar ins Ohr, als ob er meine Gedanken habe lesen können.

Halb amüsiert, halb empört sehe ich ihn an. "Also, ich bevorzuge da eher eine andere Art von Spielen," erwidere ich gedehnt. "Warum nicht?" ist die Antwort. Ich beiße mir auf die Lippen, um nicht lauthals loszulachen. Wenn der arme Kerl neben mir wüßte, welche Art von Spielen ich meine, würde er wahrscheinlich lautschreiend davonlaufen.

"Lassen Sie es doch einfach darauf ankommen," bemerkt er nun; wiederum, als wisse er ganz genau, was ich gedacht habe.

Also gut, denke ich bei mir; eine solche Provokation kann ich unmöglich unbeantwortet lassen. "Das will ich gerne tun," erkläre ich, freundlich lächelnd. "Darf ich Sie nachher dann noch auf ein kleines Spiel zu mir einladen?"

"Gerne," entgegnet mein Nachbar, und seine Stimme vibriert dabei so bedeutungsvoll, daß dieses eine Wort mir durch Mark und Bein geht und die Schmetterlinge in meinem Bauch tanzen läßt.

Zu dumm, daß ich mich habe hinreißen lassen. Ich muß völlig verrückt geworden sein - ich kann doch nicht ernsthaft diesen mir völlig fremden Menschen mit in eine Wohnung nehmen! Er gefällt mir ja schon; sehr sogar. Seine Gegenwart ist das einzige, was den Aufenthalt hier erträglich macht. Und bevor ich mit meinem Vortrag begonnen habe, sind auch schon ein paar sehr eindeutig-zweideutige Blicke zwischen uns hin- und hergewandert. Aber das heißt doch noch lange nicht, daß ich mich gleich mit ihm einlassen muß. Die Sache ist mir viel zu schnell viel zu heiß geworden. Verzweifelt suche ich nach den richtigen Worten, um das Spiel mit dem Feuer zu beenden.

"Es tut mir leid," beginne ich stockend, "ich ..." Er beugt sich zu mir herüber. Seine Worte sind sehr leise, gleichsam nur eine Bewegung seiner Lippen, und trotzdem höre ich ganz genau, was er sagt: "Ich danke Ihnen, Herrin!"

Ich hole tief Luft. Es passiert mir wirklich selten, daß ich sprachlos bin - aber das jetzt ist einer dieser nicht alltäglichen Momente.

"Lassen Sie mich noch einmal die Ergebnisse dieses Abends zusammenfassen," vernehme ich in diesem Moment die Stimme des Vorsitzenden. Und mit einer Mischung aus Aufregung, Erwartung und Angst registriere ich, daß die Veranstaltung in wenigen Minuten vorbei sein wird.

Endlich stehen wir draußen in der frischen, kühlen Nachtluft, mein Nachbar und ich. Und in dieser intensiviert sich urplötzlich meine Erregung, als ob sie erst jetzt wirklich atmen könnte. So unglaublich es auch ist, ich freue mich unbändig auf die nächsten Stunden mit diesem Menschen, den ich nicht kenne, und mit dem mich doch schon so viel verbindet. Aber eines beunruhigt mich noch. "Sie müssen mir unbedingt erklären," dränge ich, "wie Sie es erraten haben, daß wir gewisse Vorlieben miteinander teilen, auf unterschiedlichen Seiten."

"Nun, ganz einfach," lacht er, und deutet auf meine linke Hand. Mein Blick folgt seinem Fingerzeig, und errötend muß ich feststellen, daß ich ganz vergessen habe, vor der Veranstaltung heute abend meinen Ring der O abzunehmen ...

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