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Leseprobe: Meerjung(frau) (Arbeitstitel)

Schon im fünften Stock war ich ein wenig außer Puste. Höchste Zeit, wieder mit ein paar Stunden Sport pro Woche anzufangen. Das wäre auch nicht unbequemer als ein Abend mit Sabine - aber immerhin weit nützlicher.

Sabines Wohnungstür eine Etage weiter sah so abweisend aus, als trage sie ein unsichtbares Schild mit der Mitteilung ihrer Abwesenheit. Der Herbstkranz unter dem Spion war ersichtlich nicht entstaubt worden, seit ich ihn ihr im September geschenkt hatte. Unglaublich, wie schäbig schöne, farbenfrohe Dinge im Laufe von nur wenigen Wochen werden können.

Oh, Himmel, was für eine morbide Stimmung. Genau das Richtige für einen Kinobesuch. Hoffentlich gab es einen Geisterfilm zur Auswahl, das würde dann wenigstens passen. Halt, nein - wir wollten ja essen gehen, nicht ins Kino. Mir war es gleich - das eine wie das andere hatte erfordert, dass ich meinen gemütlichen Jogginganzug nur mit sehnsüchtigem Bedauern ansehen konnte und stattdessen meinen Mascara auffrischen musste. Was gäbe ich jetzt alles um einen ungestörten Abend mit einem Buch statt mit einem Menschen. Bücher verlangen kein bestimmtes Verhalten und erwarten keine Antwort. Sie kontrollieren nicht, ob meine Bluse einen Fleck hat oder ob ich auch wirklich verstanden habe, was sie mir sagen wollen. Wahrscheinlich sind sie deshalb so gute Gesellschafter, weil ihnen alles gleichgültig ist. Das sollte ich mir auch einmal angewöhnen, mir nicht aus allem so viel zu machen, was mir nicht gefiel. Meine Güte - wer kriegt schon im Leben, was er haben will? Die Frage ist ja nicht, wie werden meine Wünsche erfüllt - sondern eher, wie werde ich damit fertig, dass alles so ganz anders läuft, als ich das gerne hätte.

Am besten fing ich damit an, mich ein bisschen weniger selbst zu bemitleiden.

Zögernd und mit einem kribbeligen Gefühl als sei ich ein Voyeur studierte ich die Namensschilder der Nachbarn, auf die ich vorher nie geachtet hatte. Ob das Licht hier nie ausging? Wäre doch zu schön, wenn mich einer hier im Dunkeln herumirren sähe. Immerhin konnte ich dann wahrheitsgemäß angeben, ich sei auf der Suche nach dem Lichtschalter.

Vaniek, Schröder, Marx. Kein Hinweis auf diesen geheimnisvollen Daniel.

Dann ein Schild, am Kopfende des Gangs, das wenigstens ein echtes war; kein Vergleich zu den winzigen Papierfetzen der anderen.

Daniel & Ella.

Hervorragend. Das war nicht halb so schwierig herauszufinden gewesen wie befürchtet. Immerhin war Daniel ersichtlich keiner von Sabines zahlreichen Liebhabern, wenn er mit Frau oder Freundin im gleichen Flur wohnte. Oder ob sie es zu dritt trieben? Sabine war alles zuzutrauen.

Ich klingelte.

Von dem Menschen, der mir öffnete, bemerkte ich zuerst nur Kleidung. Ein glitzerndes Metallicgrün, das in den Augen brannte - ein Kleid aus glänzenden kleinen Fischschuppen, beinahe knöchellang, wie der Schwanz einer Meerjungfrau, darunter schwarze Pumps mit hohen Absätzen. Vom Ausschnitt wandte ich meine Augen unwillkürlich ab - zu direkt, zu, ja, zu nackt schien mir die Auslage präsentiert zu werden, obwohl sie sehr gut verdeckt wurde von dem schillernden Stoff, der nur Schulter und Arme freigab und einen Hals, um den eine Kette aus sichtbar falschen Perlen sich ein wenig zu eng spannte. Darüber ein grellgeschminkter Mund; so füllig und geschwungen, dass er ohne das künstliche Rot sicherlich verführerisch gewesen wäre. Eine auffallende Adlernase. Rötliches Haar im steifen Pagenschnitt. Und irgendwo mittendrin zwei amüsierte Augen, die nicht weniger grünlich schimmerten als das Abendkleid.

Hätte ich ausgesprochen, was mir an Gedanken durch den Kopf schoss, ich müsste mich mein Leben lang schämen dafür. Endlich stotterte ich irgendein Hallo, vermied sorgfältig jeden Namen, nachdem ich erst Ella vermutet, kurz darauf entsetzt Daniel erkannt und schließlich begriffen hatte, was mir das Türschild wirklich sagen wollte.

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