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Leseprobe: Wintersonnenwende

"Du kannst gehen. Ich selbst werde die Auspeitschung fortsetzen." Siridaas Stimme.

Schluchzender Jubel füllt ihre Kehle. Und dann, rasende Wut. Der Lehrende bedeutet ihr nichts. Die Bewegung seines Handgelenks verursacht Schmerz und Beschämung, doch sie öffnet nur äußere Wunden, keine inneren. Siridaa kann tiefer gelangen. Und er wird es tun. Trotz seiner Zuneigung für sie, von der sie überzeugt ist. Oder weil er sich rächen will, dass sie sich hineingestohlen hat in seine Gedanken, die rein und pur zu bleiben haben für die Götter, die sich nicht drehen dürfen um einen anderen Menschen?

Diesmal vernimmt sie das dumpfe, schwere Knarren der Tür. Sie zittert, wartet auf den ersten Schlag. Statt dessen, sanfte Finger gegen ihren Nacken. "Er hätte dich umgebracht. Das kann ich verhindern. Aber ich kann dir die Strafe nicht erlassen. Du weißt, meine Position ist nicht stark genug, mich über die Tempelregeln hinwegzusetzen. Vielleicht wird sie es eines Tages sein; ich weiß es nicht. Noch würde eine solche Handlung mich angreifbar machen, und das ist alles, was meine Feinde brauchen, um mich zu stürzen. Erträgst du es - für mich?"

So weich spricht er. Die bebenden Schwingungen in ihrem Bauch würden sie ohne Zögern ja sagen lassen noch zu viel größeren Qualen. Will er sie nur testen? Oder sind seine Feinde tatsächlich mächtig und impulsiv genug, wegen einer Disziparin die Unruhe eines versuchten Machtwechsels zu riskieren? Ist er so schwach, ihre Unterstützung zu brauchen, um sie zu schützen?

Vielleicht wählt er diesen Weg auch wissend dass allein seine Hilfsbedürftigkeit sie bewegen kann nicht aufzubegehren. Sie lehnt den Kopf zurück, presst sich gegen seine Hand. Ihre Antwort.

Seine Hiebe sind weniger kraftvoll als die des Lehrenden, pflicht-, nicht hassgelenkt. Aber sie beißen sich in die wehrlose zerstörte Haut hinein, die aufschreit bis ins Mark der Knochen hinein.

"Bereust du, Kitris?"

Ihre einzige Möglichkeit, die Zahl der Schläge zu verringern - Reue; und der Gnade des Strafenden anheim gestellt die Wertung, ob sie ein Ende der Strafe rechtfertigt. Bei einem anderen hätte der Schmerz ihr die passenden Worte entlockt. Bei ihm überlebt der Widerwille zu heucheln. Vor dem weiteren Grund für ihre Stummheit verschließt sie die Augen. Mit einer Lüge würde sie nicht nur sich, auch ihm die Fortsetzung ersparen. Doch sie bestraft ihn, schweigt. Schmerzhafte, bittere Genugtuung für zwei Jahre der Distanz.

40.

Zehn noch.

Erneut fragt er. Gepresst. Ohne die Klarheit von vorhin, klingt es wie eine Bitte. Inzwischen weiß sie nicht einmal mehr, was sie bereuen soll. Verwischt in Blut die Erinnerung an die Aussagen des Morgens.

Immer leichter seine Bewegungen, immer leichter das Durchhalten.

Drei Hiebe vor Ende trifft er eine offene Stelle erneut. Rotglühende Pein. Sie brüllt.

Die Peitsche fällt aus seiner Hand, kraftlos geworden im Erschrecken. "Ich kann nicht mehr." Heiser.

Irgendwann lässt das Feuer auf ihrem Rücken nach. "Drei noch, Siridaa. Du musst. Man wird horchen, draußen, mitzählen."

Er bückt sich. Widerlich ist ihm das Leder. Rasch, rasch. 48, 49. 50.

Ein Schluchzen. Von ihr, von ihm?

Er kniet. Presst sein Gesicht gegen ihren Lendenwirbel, einen Moment lang. Fängt sich dann, verbannt den inneren Aufruhr in das Zittern der Hände, tut, was er nicht darf, was er muss.

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