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Leseprobe: Schimmernde Momente III

1.

Ungeduldig wartete ich vor dem Zimmer des Notars. Der Termin schien mir bereits etliche Stunden gedauert zu haben, und ich hätte inzwischen die Wände hochgehen können. Warten war noch nie meine Stärke.

Nun, ich war ja selbst schuld; Andreas hatte es mir angeboten, in der Firma zu bleiben oder nach Hause zu fahren - dort hätte ich mich wenigstens beschäftigen können. Aber nachdem ich so maßgeblich am Zustandekommen dieser neuen Partnerschaft beteiligt war, wollte ich auch diesen Augenblick des Vollzugs so nahe wie möglich miterleben.

Außerdem brannte ich darauf, Andreas' Gesicht zu sehen. Schließlich war es der erste und dann auch noch gleich so wichtige und lange Termin, bei dem er den neuerworbenen Plug trug. Vor ein paar Tagen erst hatten wir ihn gemeinsam für diesen Anlaß ausgesucht, und hatten es kaum die kurze Zeit bis zur Premiere ausgehalten. Ich war noch immer etwas besorgt, ob es denn wirklich eine so gute Idee war, das Spiel ausgerechnet heute zu spielen, obwohl Andreas mich mehrfach beruhigt hatte.

Endlich kamen Andreas und Hartmut und die drei Anwälte heraus; alle natürlich von Kopf bis Fuß einschließlich Mimik absolut geschäftsmäßig. Aber dann blitzte in Andreas' Augen kurz ein solcher Hunger nach mir auf, daß ich rot wurde. Und am liebsten wäre ich ihm auf der Stelle um den Hals fallen. Allerdings wohl kaum hochanständig genug für diese hochheiligen öffentlichen Hallen.

Ich bemühte mich, nichts von meinen Empfindungen merken zu lassen. Hartmut hatte es zwar großartig verkraftet, daß ich für ihn nicht in Frage kam. Ja, er schien sogar irgendwie erleichtert zu sein, daß aus uns kein Liebespaar werden konnte.

Auch war er nicht im geringsten eifersüchtig auf Andreas, soweit ich das beurteilen konnte. Aber unter die Nase reiben mußte ich ihm das besondere Band zu Andreas ja nun auch nicht.

Es hatte genug Mühe gekostet, die beiden zusammenzubringen.

Auf die Idee, bei der ABC Marketing als Partner einzusteigen, war Hartmut gekommen, kurz nach dem denkwürdigen Abend, an dem ich ihm so sanft, wie es mir nur möglich gewesen war, erklärt hatte, daß ich als Partner für mich nur Andreas sehen kann. Diesem Abend, der danach eine Versöhnung zwischen Andreas und mir brachte und die kalte Fremdheit beendete, die uns vorher eine Zeitlang das Atmen so schwer gemacht hatte.

Jedenfalls, ein paar Tage später traf ich mich mit Hartmut nachmittags auf einen Kaffee. Dabei berichtete er mir geradezu sehnsuchtsvoll, wie sehr er sich danach sehne, einmal wieder etwas richtiges arbeiten zu können. Ich konnte nur mühsam die Frage unterdrücken, ob sein jetziger Posten - Aufsichtsratsvorsitzender bei der Kantak AG - denn keine richtige Arbeit bedeutete. Er beantwortete sie mir trotzdem. „Weißt du, Hanna, das, was ich jetzt mache, das kann jeder andere auch tun. Es bringt Geld, und es bringt Ansehen, aber ich stehe nicht mittendrin im Geschehen. Ich will wieder mit Menschen zu tun haben, will etwas bewegen können. Es soll einen Unterschied machen, was ich tue; und das macht es bei der Kantak AG nicht.“

Dann rückte er vorsichtig damit heraus, daß er sich eine Zusammenarbeit mit Andreas als geradezu traumhaft vorstelle. Allerdings wage er nicht, sie ihm vorzuschlagen, nachdem sein Verhalten zu solchen Spannungen zwischen Andreas und mir geführt habe, und er wisse ja auch nicht, ob er eine solche Tätigkeit überhaupt zu Andreas' Zufriedenheit ausüben könne undsoweiter.

Ich kommentierte seinen Vorschlag nicht weiter, sprach ihn aber noch am gleichen Tag mit Andreas durch. Der hellauf begeistert war; allerdings meinte, man könne es Hartmut nicht zumuten, ständig vor Augen geführt zu bekommen, daß in einem gewissen Sinn er, Andreas, der siegreiche Rivale sei. Und es sei außerdem unmöglich, ihn tatsächlich als Partner aufzunehmen, da er damit auf den Aufsichtsratsvorsitz verzichten müsse undsoweiter. Mühsam versuchte ich, Andreas seine Bedenken auszureden. Und dasselbe versuchte ich später bei Hartmut. Beides vergebens.

Vor Verzweiflung über die Sturheit der zwei Männer hätte ich mir die Haare raufen können. Das aber hätte mich meinem Ziel nicht näher gebracht. Also bestellte ich statt dessen beide einzeln, unabhängig voneinander und so, daß niemand vom anderen wußte, für einen Abend zum Essen in den Elfenmond. Bei einem solch überraschenden Zusammentreffen konnte man am besten feststellen, wie gut sie sich wirklich verstehen würden.

Ich traf als erstes ein. Hartmut kam fünf Minuten später, und ich war froh, daß er auf diese Weise einen gewissen Platzvorteil hatte - er war auch damit noch unsicher genug.

Andreas zögerte kurz, als er uns entdeckte. Wie immer, wenn ich ihn nach einer auch noch so kurzen Zeit der Trennung wiedersehe, verliebte ich mich bei seinem Anblick sofort wieder neu in ihn. Ich werde mich nie daran gewöhnen, wie faszinierend und begehrenswert er ist. Und das ist auch ganz gut so.

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